Zwei Feiertage, zwei Welten, eine Frage
Im April wachte Europa zu Ostern auf - dem Fest der Auferstehung, der Erneuerung, der Wiederherstellung des Lebens, wo der Tod scheinbar gesiegt hatte. Der Frühling kommt und mit ihm die Hoffnung. Zur gleichen Zeit feiern die Chinesen am anderen Ende der Welt 清明 (Qīngmíng - wörtlich „reine Klarheit“), einen der vierundzwanzig traditionellen Knotenpunkte des chinesischen Mondkalenders und einen nationalen Feiertag. Außerdem erwacht in China die blühende Natur. Doch ihre Gedanken sind ganz woanders - bei den Toten. Auf den ersten Blick ein Paradoxon. In Wirklichkeit ist es eine tiefgründige Philosophie.
Wie der Feiertag aus drei Traditionen entstanden ist
Vor der Tang-Dynastie war Qīngmíng lediglich ein meteorologischer Orientierungspunkt, ein Signal für die Bauern. Doch nach und nach absorbierte es zwei ältere Feste. Von 寒食节 (Hánshí jié - „Fest der kalten Speisen“) übernahm es den Brauch, die Gräber der Vorfahren zu besuchen, Grabsteine zu reinigen und Opfergaben zu bringen. Von 上巳节 (Shàngsì jié - ein Frühlingsfest, bei dem die Menschen gemeinsam aufs Land gingen, in Flüssen badeten und die Ankunft der Wärme feierten) erbte er die Freude am Wandern und am Aufenthalt im Freien. Und so kann heute eine chinesische Familie morgens am Grab eines Großelternteils niederknien, den Staub vom Grabstein fegen, Papiergeld verbrennen und Schalen mit Essen für die Toten stapeln - und nachmittags den Hügel hinaufgehen, eine Decke im Park ausbreiten und den Duft der Kirschblüten einatmen. Tod und Frühling, Erinnerung und Gegenwart, an einem Tag.
Dem Licht entgegen - aber durch den Tod
Der französische Schriftsteller Albert Camus schrieb, der Tod sei die einzige wirklich ernsthafte philosophische Frage. Die Chinesen könnten ihm zustimmen - aber sie würden anders antworten. Im chinesischen Denken lebt der Satz 向死而生 (xiàng sǐ ér shēng - „im Angesicht des Todes leben“, d. h. bewusst leben, gerade weil es den Tod gibt) weiter. Qīngmíng verkündet diese Haltung nicht in Worten, sondern in Gesten: In dem Moment, in dem die Natur am lebendigsten ist, halten wir an Gräbern an. Der Tod ist hier kein Feind, der hinter der nächsten Ecke wartet. Er ist Teil des Kreislaufs - und deshalb haben wir auch keine Angst vor ihm. Je mehr wir das Leben schätzen, desto selbstverständlicher akzeptieren wir sein Ende. Je mehr wir die Lebenden lieben, desto mehr schmerzt uns der Verlust - und desto sorgfältiger pflegen wir die Erinnerungen an die Toten.
Reine Klarheit als innere Herausforderung
Kehren wir zum Namen des Feiertags zurück. Das chinesische Schriftzeichen 清 (qīng) bedeutet rein, klar, unbefleckt. Das Schriftzeichen 明 (míng) bedeutet hell, klar, offensichtlich. Zusammen: der Moment, in dem alles gesehen wird. Im tibetischen Buddhismus wird der Tod als allmähliche Auflösung von Körper und Bewusstsein beschrieben - und im letzten Moment, so sagen die Texte, kommt plötzlich Licht. Wie eine Tür, die sich nach einem langen Aufenthalt in der Dunkelheit öffnet. In diesem Blick kommt alles zum Vorschein, was wir in uns getragen haben: Angst, Gier, Reue, Liebe. Der Tod ist hier ein Spiegel - und was wir in ihm sehen, hängt davon ab, wie wir gelebt haben. Qīngmíng will uns vielleicht das Gleiche sagen. Lebe klar und deutlich. Lebe so, dass du dir im letzten Licht in die Augen schauen kannst - und nicht mit einer Schuld gegenüber deinem eigenen Gewissen stirbst. Der Tod kommt dann nicht als Niederlage. Er kommt klar und deutlich. Er kommt klar. Vielleicht ist das der Grund, warum wir im Frühling von ihm sprechen - wenn er am besten zu sehen ist.
NNela.Ni
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